Weltenwanderer

Eins

Zweifelnd betrachtete Julian immer wieder die Karte und verglich sie mit der Umgebung, die er vor sich sah. Obwohl die Karte und die Beschreibung nicht allzu präzise waren, ging er mit ziemlicher Sicherheit davon aus, am richtigen Ort zu sein – in einem hügeligen Waldstück irgendwo am Georgian Bay.
Seit fast zwei Stunden durchsuchte er diese Gegend nun systematisch, und eigentlich hätte er die Stelle finden müssen, eine Höhle, irgendwo hier im Wald. Statt dessen sah er nichts als Bäume und Gebüsch, nichts, was irgendwie ein Hinweis sein könnte.
Der diese Karte gezeichnet hatte, hatte den Ort gefunden, ohne danach gesucht zu haben, und Julian verstand nicht, wie das möglich sein konnte. Er hatte gründlich gesucht, und das bei für ihn nahezu idealen Lichtverhältnissen, in der Stille des nächtlichen Waldes gelauscht, ob irgendwo seine Schritte anders klangen als sonst, aber ohne Erfolg.
Seufzend lehnte er sich gegen einen Baum und starrte die Karte an. Vielleicht war es doch der falsche Ort, auch wenn er sich das nicht vorstellen konnte. Er war genau dem eingezeichneten Weg von der Straße aus gefolgt, was nicht schwer gewesen war, da es einen schmalen Pfad durch den Wald gab.
Wahrscheinlicher war wohl, daß die Erklärung zu der Zeichnung fehlerhaft war, wenn nicht sogar völlig falsch. Im Original war es ein komplizierter Code gewesen, über viele Jahrzehnte hin entwickelt, und das, was er hier hatte, war nur ein kleiner Teil der Übersetzung, ein einziges Blatt aus ganzen Stapeln von Aufzeichnungen, entschlüsselt ohne irgendeine Hilfestellung, weil dieser Code einzigartig war. Daß die Entschlüsselung richtig war, war ganz und gar nicht sicher, und nachdem was er hier sah, ging das, was auf dem Blatt stand, wohl meilenweit an dem vorbei, was der Verfasser einst aufgeschrieben hatte.
Vielleicht hatte er ja nur eine Seite aus seinem Reisetagebuch in der Hand, wer wußte das schon. Wenn er es genau bedachte, konnte es doch kaum möglich sein, daß irgend etwas so bedeutsames einfach so hier mitten im Wald herumlag, und daß der Finder dann auch noch jemand war, der etwas damit anfangen konnte… andererseits.. hier wäre es zumindest gut versteckt und verborgen vor den falschen Händen ..
Er schüttelte den Kopf, faltete die Karte zusammen und steckte sie in seine Jackentasche. Es hatte sowieso keinen Zweck. Es war alles Zeitverschwendung gewesen, und was war, wenn er Dragan mit leeren Händen gegenübertrat, daran mochte er im Augenblick gar nicht denken. Er verstand nicht einmal, was überhaupt in ihn gefahren war, Dragan von dieser Sache hier zu erzählen, daß dieser darauf eingestiegen war, und daß Julian nun hierhergefahren war.. und das alles wegen einer ungenauen Karte und ein paar noch viel ungenaueren erklärenden Zeilen. Das war nicht nur Zeitverschwendung, das war verrückt. Wer wußte, was Dragan in diesem Moment ..
Ihm rann ein eiskalter Schauer den Rücken herunter, als ihm das so recht bewußt wurde, gefolgt von heftiger Verwirrung, weshalb ihm erst jetzt die Unsinnigkeit des ganzen klar wurde. Nur die Hoffnung, hier etwas zu finden, konnte ihn doch nicht so blind gemacht haben?
Doch er kam nicht dazu, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Irgend etwas veränderte sich.
Das wußte er von einem Moment auf den nächsten mit Sicherheit, doch was es war, konnte er zunächst nicht ausmachen. Er sah sich gründlich um, hielt den Atem an, um kein verdächtiges Geräusch zu übertönen, dann sog er die Luft ein und schloß die Augen dabei, doch es war nichts, das er mit seinen Sinnen erfassen konnte.
Es war nur ein Gefühl, eine seltsame Gewißheit, und es wurde stärker.
Julian runzelte die Stirn und legte ganz automatisch eine Hand auf den Griff seines Schwertes, das in einer Halterung um seine Hüfte steckte, denn obwohl er es nicht bestimmen konnte, war dieses Gefühl nicht unbedingt ein angenehmes. Er bezweifelte zwar im selben Augenblick, daß er dagegen .. gegen was auch immer… mit seiner Klinge etwas ausrichten konnte, doch allein den Schwertknauf in seiner Hand zu spüren, tat gut.
Die Bedrohung – daß es eine solche war, davon war er schon fast überzeugt – wurde nicht greifbarer, aber diese Empfindung wurde beständig stärker.
Für einen Moment allerdings vergaß er das Gefühl beinahe, als er realisierte, daß er einen schmalen, leicht ansteigenden Weg hinaufging, der tiefer in den Wald führte. Er blieb stehen, blickte sich um, und mußte verwirrt feststellen, daß er schon ein gutes Stück zurückgelegt hatte, ohne sich dessen bewußt gewesen zu sein.
Aber auch darüber konnte er sich keine Gedanken mehr machen, als er auf einmal ein Grauen verspürte, das ihm fast den Atem nahm. Hektisch und unsinnigerweise blickte er sich um, aber da war noch immer nichts. Sein Blick streifte seinen Hund, der offensichtlich ähnliches empfand – er hatte die Ohren angelegt, die Rute schon fast eingezogen, doch er wich nicht von Julians Seite.
Er dachte nicht mehr nach, sondern rannte den Weg hinauf, so schnell er konnte, beinahe panisch, egal wohin, er mußte nur weg von hier. Unter das Geräusch seiner Füße und Peaveys Pfoten auf dem laubbedeckten Pfad mischte sich ein tiefes, kaum hörbares Brummen, undefinierbar, aber ein eindeutiger Grund für ihn, noch schneller zu laufen, dem seltsamen Instinkt zu folgen, der ihm Schutz vor der unbekannten Gefahr dort versprach, wohin ihn dieser Weg führte, wie ein Ruf direkt in seinem Kopf.
Der immer weiter ansteigende Weg war erstaunlich bald zu Ende und führte direkt in eine Höhle im Fels. Er hielt auf das dunkle, gezackte Loch zu und hatte doch das Gefühl, nicht schnell genug zu sein, da war etwas hinter ihm, das ihn fast in den Boden zu drücken schien, und doch konnte er dem Drang nicht widerstehen, sich im Laufen umzublicken.
Es war das entsetzlichste, das er je gesehen hatte, und doch wirkte es eigentlich harmlos .. in dem Moment, in dem er sich umwandte, wich der bis dahin nicht ungewöhnliche nächtliche Wald für die Dauer eines Augenblickes etwas anderem, als hätte jemand einen Schleier gelüftet und gleich darauf wieder gesenkt. Die Umgebung war identisch, nur mit der Ausnahme, daß wenige Schritte hinter ihm und etwa drei Meter über dem Boden eine schwarze Kugel von ebenfalls knapp drei Metern Durchmesser einfach so in der Luft hing. Es war komplett schwarz, die Oberfläche wirkte samtig und reflektierte das einfallende Mondlicht, doch auf irgendwie falsche Weise, als wäre da noch eine andere Lichtquelle. All das nahm Julian innerhalb dieses Augenblickes wahr, und es erschreckte ihn so maßlos, daß er beinahe über seine eigenen Füße gestolpert wäre und nur deshalb nicht zu Boden ging, weil er ganz genau wußte, daß dieses Ding ihn dann erreichen würde und allein die Vorstellung ihn fast wahnsinnig machte.
Er wandte den Blick ab und rannte die letzten paar Schritte in die Höhle, die ihm schon allein deswegen schützen würde, weil das Ding viel zu groß war, um durch den Eingang zu kommen, ein Gedanke, der ihm in diesem Moment ungemein beruhigend vorkam.
Kaum, daß er die Höhle betreten hatte und sich keuchend gegen den Fels lehnte, ließ der Schrecken nach, der ihn gepackt hatte; er verschwand nicht ganz, war aber längst nicht mehr so intensiv wie zuvor.
Widerwillig drehte er sich um und blickte zum Eingang, er wollte das Ding nicht noch mal sehen, aber er mußte sich vergewissern, daß es ihm wirklich nicht folgte.
Es war weg. Da draußen war nur noch der Wald zu sehen, nichts, was irgendwie außergewöhnlich gewesen wäre.
Hatte er sich das schreckliche Ding wirklich nur eingebildet? Aber er sah seinen Hund, der eindeutig Angst hatte, und er selbst spürte es doch auch.
Was auch immer das für ein Ding gewesen war, in der nächsten Zeit würde er dort ganz bestimmt nicht hinausgehen.

Zwei

Eine ganze Weile stand er einfach nur da, unwillkürlich immer wieder hinaus in diese seltsame Nacht blickend, und versuchte, herauszufinden, ob dieses unmögliche Ding tatsächlich real gewesen sein konnte. Die Angst, die er davor hatte, war es jedenfalls.
Was ihn jedoch an diesen Ort hier geführt hatte, schien etwas anderes gewesen zu sein. Es war, als hätte ihn etwas gerufen; und wenn es nicht so ausgeschlossen wäre, hätte er schwören können, daß die Höhle vorher noch nicht dagewesen war. Er hatte hier genauso gründlich gesucht, wie an den übrigen Stellen auch, und ein Weg, der genau hineinführte, wäre ihm mit absoluter Sicherheit aufgefallen. Es sei denn, er war weiter weg gelaufen, als ihm bewußt war, viel weiter.
Wie auch immer, es schien, als hätte er durch einen merkwürdigen Zufall genau das gefunden, was er gesucht hatte, also konnte er sich das hier genausogut anschauen.
Er warf noch einen letzten, vorsichtigen Blick nach draußen, ehe er sich umwandte, und tiefer in den Berg hineinging.
Der Eingangsbereich war mehr oder weniger ein langgestreckter, schmaler Raum, der sich zu einem immer enger werdenden, um viele Biegungen führenden Gang verschmälerte. Die ganze Höhle schien natürlichen Ursprungs zu sein, der Fels wies keinerlei Spuren einer Bearbeitung auf, teilweise war der Weg einfach nur eine schmale Spalte im Fels, durch die er Mühe hatte, hindurchzuklettern. Der Boden war sehr uneben, und Julian mußte sich mehr als üblich darauf konzentrieren, nicht über eine Erhebung zu stolpern oder in einen der zahlreichen Risse im Boden zu treten.
Mehrmals riß er sich an den rauhen Wänden, und als die Decke immer niedriger wurde, schien es gar kein Durchkommen mehr zu geben.
Als hinter einer weiteren Biegung die Sicht zu schlecht wurde, weil das von draußen bisher noch schwach hereinfallende Mondlicht seinen Augen nicht mehr ausreichte, erhellte er seinen Weg mit einem Feuerzeug. In dessen flackerndem Licht schienen die Wände nicht mehr ganz so unbearbeitet zu sein, mehrere Male war es ihm, als könnte er an einigen Stellen Zeichen sehen, Buchstaben vielleicht, die er nicht lesen konnte, doch als er innehielt, um sie genauer zu betrachten, waren es einfach nur Schatten, die das Licht auf die zerklüfteten Wände malte und die seine Sinne getäuscht hatten.
Von der frischen Luft und dem Geruch des Waldes war hier nichts mehr übrig, jetzt roch er nur noch uralten Stein.
Julian sah zu seinem Hund, der ihm im geringen Abstand mit gesenktem Kopf und Schweif folgte. Er streichelte Peavey kurz und hakte die Leine an dessen Halsband ein, getrieben von der plötzlichen unsinnigen Furcht, der Hund könnte an ihm vorbei in das unbekannte Dunkel laufen oder kehrtmachen und ihn allein hier zurücklassen. Als er die Hundeleine in der Hand hielt, war ihm ein wenig wohler und er kämpfte sich weiter durch den Gang.
Für ein Versteck war es tatsächlich keine schlechte Wahl, stellte er fest, denn ohne ein Ziel dahinter zu vermuten, würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, in dieser Felsspalte herumzuklettern. Er hatte selbst schon Mühe, durchzukommen, und jemand, der nur ein wenig größer und breiter gebaut war, würde vermutlich gar nicht weiterkommen.
Der beschwerliche Weg schien kein Ende zu nehmen, doch allein schon der Gedanke an das, was draußen im Wald war, ließ ihn weitergehen. Außerdem sah er die seltsamen Zeichen noch mehrere Male, es schienen tatsächlich Buchstaben zu sein, Worte in irgendeiner ihm unbekannten Sprache; und obwohl sie sich weiterhin jedem Versuch widersetzten, sie genauer zu betrachten, weigerte er sich allmählich zu glauben, daß es nur Sinnestäuschungen waren.
Immer wieder ließ er die Flamme seines Feuerzeuges ausgehen und versuchte, den Weg durch vorsichtiges Tasten zu finden, doch er fürchtete, so vielleicht eine Abzweigung zu übersehen, was ihn beim Rückweg vor ernsthafte Probleme stellen konnte. Er versuchte angestrengt, nicht an die Möglichkeit zu denken, sich hier zu verirren.
Wenn das hier noch lange so ging, mußte er sowieso umkehren, weil sein Feuerzeug nicht mehr lange durchhielt, und er den Weg nicht im Dunkeln gehen wollte, auch wenn Peavey wahrscheinlich trotz möglicher abzweigenden Gänge hinausfinden würde.
Es wäre sowieso sinnvoller, zurückzugehen und aus dem Auto eine Taschenlampe zu holen… wenn er es denn irgendwann wagte, hinauszugehen.
Und er war sich gar nicht sicher, daß er diese Höhle ein zweites Mal finden würde, wenn er sie jetzt verließ. Oder ob er überhaupt von hier zum Auto zurückfand. Vielleicht hatte er sich schon im Wald verirrt.
Er schüttelte für sich den Kopf und ging weiter. Darüber würde er sich Gedanken machen, wenn es soweit war.
Einen Moment später hatte er diese Sorgen vergessen, denn hinter der nächsten Biegung war der Gang endlich zu Ende und führte in ein großes Gewölbe, das sein Feuerzeug nicht vollständig ausleuchten konnte. Um die Sache zu sehen, deretwegen er hergekommen war, reichte das Licht jedoch.

Drei

Er trat noch einen Schritt aus dem Gang heraus, bis er ganz in dem Gewölbe stand und musterte das Ding fasziniert, nicht einen Moment daran zweifelnd, daß es genau das war, was er gesucht hatte.
Nicht daß er darum gewußt hätte, was es eigentlich sein sollte… er sah vor sich etwas, das einem großen, aufrecht stehenden Spiegel ähnelte, nur war die spiegelnde Fläche dafür zu matt, so daß er sich nur wie hinter mehreren Schleiern sehen konnte. Die Fläche war ein wenig größer als Julian und unregelmäßig geformt, fast wie eine große Scherbe, die von einem merkwürdigen, aus unzähligen kleinen Teilen zusammengesetzten Rahmen eingefaßt war. Er bestand aus Metall, aber das war alles, was einheitlich daran war, und selbst das schienen verschiedene Sorten zu sein, manche Stellen glänzten und spiegelten, andere waren matt und rauh, wieder andere wirkten beinahe wie an der Oberfläche erstarrte Flüssigkeit. Die Einzelteile waren miteinander verbunden, manche fest, manche waren offenbar beweglich, es schien so etwas wie Leitungen, sogar Kabel zu geben, und das ganze machte fast den Eindruck einer seltsamen Maschine, auch wenn es im ganzen eher wie ein Spiegel wirkte.
Julian hatte wieder das Gefühl, auf dem “Rahmen” und sogar auf der Innenfläche Zeichen zu sehen, eine Schrift genau wie die im Gang, die er hier genausowenig wirklich sehen konnte.
Der gesamte Spiegel, oder was es auch sein mochte, erschien ihm seltsam fremdartig, nicht
nur wegen dieser Zeichen oder Worte oder weil er keinen erkennbaren Zweck zu haben schien. Nicht einmal, weil er zu groß war, als daß er jemals durch den Gang transportiert hätte werden können, und es keinen sichtbaren anderen Zugang gab.
Es fühlte sich einfach so … anders und fremd an… und da war noch etwas anderes. Julian fühlte sich geradezu zu ihm hingezogen und zweifelte nicht mehr, daß es dasselbe war, das er
schon zuvor gespürt hatte und das ihn auf einmal den Waldweg entlang gehen ließ. Und auch jetzt zog es ihn mehr zu sich, als daß er aus eigenem Antrieb dorthin ging .. er hatte doch erst das Gewölbe genauer erkunden wollen, ob es wirklich keine anderen Zugänge gab, aber da stand er schon direkt vor dem Ding und starrte sein unscharfes Spiegelbild an.
Selbst dieses war anders, als er ein Spiegelbild, scharf oder nicht, gewohnt war. Es war nicht nur ein Bild, es waren mehrere, viele, fast so, als wäre hinter ihm noch ein Spiegel, der sein Bild immer wieder, unendlich oft, auf das Ding vor ihm projizierte, als würde er in einen Tunnel hineinblicken.
Julian bemerkte, daß er angefangen hatte, zu zittern und sich zunehmend unwohl zu fühlen, auch wenn die seltsame Anziehungskraft, die dieser Spiegel auf ihn ausübte, nicht geringer wurde.
Der Gedanke war absurd, doch er hatte fast das Gefühl, einem Bewußtsein gegenüberzustehen, das ihn zu sich rief. Nein, nicht rief… Lockte.
Peavey drückte sich gegen sein rechtes Bein, er spürte, daß der Hund zitterte und einfach nur Angst hatte.
Auch ihn selbst packte wieder diese Furcht wie die, welche er in der Nähe der Kugel verspürt hatte, doch er konnte sich nicht abwenden, im Gegenteil, sein Blick fiel auf seine zitternde Hand, die sich langsam und ohne sein Zutun hob und dem Spiegel entgegenstreckte.
Als wäre die unmögliche Maschine dadurch gestartet worden, nahm die Fläche erst einen bläulichen Schimmer an und wurde dann undurchsichtig und dunkler und auch weicher, und Julians Furcht steigerte sich zu Panik, als er die Oberfläche als die der Kugel wiedererkannte. Und doch konnte er nichts tun, er stand da wie gelähmt und starrte entsetzt auf seine Hand, die sich dem Ding immer weiter näherte.
Er hatte hier keinen Schutz gefunden, es war eine Falle, er würde sterben, das war das letzte, das er noch denken konnte, ehe seine Hand die Fläche berührte und darin versank.

Vier

Julian verzog das Gesicht, als er ganz langsam aufwachte. Sein Kopf dröhnte, als ob er die letzte Nacht hauptsächlich in verschiedenen Kneipen verbracht hätte, ohne daß er sich daran erinnern konnte.
Wahrscheinlich war es aber nur dieser fürchterliche, verrückte Traum, der ihm so zusetzte, daß er sich nicht einmal erinnern konnte, was er die vergangene Nacht tatsächlich getan hatte. Er schmeckte keinen Alkoholrest in seinem Mund und hatte auch keinen ungewöhnlich starken Durst, also konnte es das nicht sein.
Kalt war es, das fiel ihm auf einmal auf. Er hatte sich wohl im Schlaf die Decke weggezogen. Er gähnte und streckte sich ein wenig, rieb sich die noch geschlossenen Augen und drehte sich auf den Rücken. Der Boden war anders als sonst, uneben und recht unbequem, weil ihm einige kleine, harte, unidentifizierbare Gegenstände in den Rücken drückten. Was in aller Welt hatte er angestellt?
Und auch der Geruch stimmte nicht, die Luft war viel frischer, und da war keine Spur vom gewohnten Stadtsmog, was absolut unmöglich war.
Er riß die Augen auf und starrte auf ein Blätterdach, hinter dem stellenweise der Nachthimmel zu sehen war. Einige Sterne blitzten zwischen den Blättern hindurch.
Verwirrt setzte er sich auf, worauf die Sterne in seinen Kopf huschten, dort eine Weile tanzten und nur langsam verblaßten.
Sobald er wieder etwas sehen konnte, blickte er sich um, langsam, weil sich ihm sonst alles drehte.
Er befand sich offensichtlich mitten in einem Wald, denn er erblickte nichts außer Bäumen und laubbedecktem Boden.
Dann war dieser Teil seines Traumes doch keiner gewesen? Er war hierhergekommen, um etwas zu suchen… einen Ort… für Dragan…
Langsam erinnerte er sich.
Hatte er denn so lange gesucht, daß er vor Erschöpfung eingeschlafen war? Das konnte doch nicht sein. Er fühlte sich zwar verkatert, aber durchaus erholt, als ob er einen Tag geschlafen hätte. Aber es war ja noch dunkel, und er war hier unter freiem Himmel. Das war unmöglich.
Julian warf einen Blick auf seine Uhr und runzelte die Stirn. Fast halb 5 morgens, etwa 7 Stunden, seit er aus dem Auto gestiegen war.
Er konnte sich nicht einmal erinnern, wie lange er gesucht hatte, oder überhaupt an Einzelheiten. Seltsam. Aber was ihm im Augenblick mehr Sorgen machte, war, daß es bald hell wurde und ihm jegliche Orientierung fehlte.
Überhaupt nichts an diesem Stück Wald kam ihm bekannt vor, im Gegenteil, der Ort schien ihm geradezu fremd, selbst die Art der Bäume war ihm gänzlich unvertraut.
Ein äußerst unangenehmes Gefühl begann sich in ihm breitzumachen, nicht wirklich Panik, aber doch etwas, das dem nahekam. Er war völlig orientierungslos mitten in einem wer weiß wie großen Wald, in dem es keine Spuren von Zivilisation gab, und in weniger als einer Stunde würde die Dämmerung hereinbrechen. Der Wald mochte schattig sein, bot aber doch keinen sicheren Schutz vorm Tageslicht. Unter seiner Decke, eingepackt in die paar Kleidungsstücke, die er dabeihatte, konnte er vielleicht überleben, aber was würde in der nächsten Nacht sein, was sollte er jagen, wie die Verbrennungen heilen, die er wohl erleiden würde, was, wenn…
Er schüttelte den Kopf, ignorierte den Schmerz und atmete tief durch. In Panik zu geraten, würde ihn kein Stück weiterbringen, er mußte ruhig bleiben und überlegen, was nun zu tun war.
Er wußte nicht, wo sein Auto war, aber Peavey vielleicht. Der Hund hatte solch eine feine Nase, er würde die Spur, die sie hinterlassen hatten, zurückverfolgen können, schon, weil er inzwischen sicher Hunger und Durst hatte, würde er den Weg gehen.
Aber wo war der Hund überhaupt?
Er sah sich noch einmal um, aber Peavey war nicht zu sehen. Nur Julians Rucksack lag ein paar Schritte neben ihm.
Julian erhob sich mühsam, hielt kurz inne, bis der Wald wieder stillstand, und ging dann hinüber, um den Rucksack aufzuheben und auf seinen Rücken zu schnallen.
“Peavey!” rief er einmal und war dann still, um zu hören, ob der Hund in irgendeiner Form darauf reagierte.
Nichts.
Dieses unangenehme Gefühl verstärkte sich sofort, denn es war nicht Peaveys Art, so weit von Julian wegzugehen, daß sie sich nicht einmal mehr hören konnten.
Aber wenn er hungrig war, hatte er vielleicht etwas zu fressen gesucht und war sogar schon beim Auto?
Der Vampir betrachtete den Boden gründlich. All das Laub machte es ihm schwer, etwas zu erkennen, aber nachdem er die Struktur eine Weile studiert hatte, fielen ihm die Vertiefungen auf, die nicht durch Zufall entstanden, sondern Abdrücke waren – dort, wo er gelegen hatte und wo sein Rucksack, seine eigenen Fußabdrücke… und schließlich eine Spur, die von Pfoten verursacht worden sein konnte, und da sie so nahe waren, sicher von Peaveys Pfoten.
Während er noch überlegte, in welcher Richtung er mit der Suche beginnen sollte, entdeckte er etwas merkwürdiges – die Pfotenspur führte nur in eine einzige Richtung, von dem Ort ausgehend, an dem Julian aufgewacht war, tiefer in den Wald. Er schaute noch einmal genauer hin, aber nirgendwo sonst war etwas zu erkennen, das einer Spur auch nur ähnelte. Er konnte sich natürlich irren, da er sich nicht besonders gut aufs Fährtenlesen verstand, nicht einmal so gut, daß er seine eigene Spur irgendwo hätte entdecken können, oder Peavey war auf seiner eigenen Fährte zurückgelaufen, oder es war ein starker Wind aufgekommen, während Julian geschlafen hatte, der die Blätter durcheinandergewirbelt hatte, aber dennoch gesellte sich zu dem unangenehmen Gefühl in seinem Bauch ein wenig Furcht hinzu, auch wenn er nicht wußte, wovor.
Aber da Peaveys Spur im Augenblick alles war, was er hatte, setzte er sich schließlich in Bewegung und folgte ihr. Jetzt, da er wußte, wie sie aussah und verlief, war es gar nicht so schwer, wie er befürchtet hatte.
Nach ein paar Metern blieb er stehen und drehte sich mit einem unbehaglichen Gefühl um. Seine eigene Spur verlief noch deutlicher als die seines Hundes, und doch führte auch sie nur in die Richtung, in die er sie gerade zog, und war sonst nirgendwo auszumachen.
Es mußte ein wirklich starker Wind gewesen sein, der hier im dichten Wald die Spuren so komplett vernichtet hatte. Seltsam nur, daß er davon nicht aufgewacht war.
Auch dieses Unbehagen wollte nicht mehr verschwinden, als er weiterging.
Peavey schien nicht zum Wagen gelaufen zu sein, denn die Gegend wurde Julian nicht vertrauter, und es gab auch nichts, das den Markierungen auf seiner Karte entsprach.
Er mußte schon weiter gegangen sein, als die Karte überhaupt reichte, doch auf dieses dumme Stück Papier gab er sowieso nichts mehr.
In einem kurzen Anflug von Zorn knüllte er sie zusammen und stopfte sie in seine Jackentasche, doch besser fühlte er sich keineswegs. Er wußte ja, daß er selber schuld an seiner Lage war. Und sich dann auch noch mitten in einem fremden Wald hinzulegen und zu schlafen, wie dämlich mußte man dazu sein?
Er seufzte und konzentrierte sich wieder auf die Spur. Ihm blieb nicht mehr so viel Zeit, daß er es sich leisten konnte, sich mit solch sinnlosen Gedanken herumzuschlagen.
Stattdessen begann er, ein paar Mal nach Peavey zu rufen, während er weiterging.
Diesmal bekam er eine Antwort.
Julian hielt inne und lauschte. War das ein Bellen gewesen?
Als es eine Weile still blieb, rief er erneut, und nun hörte er es ganz deutlich. Ein Bellen, aber keines, das er je von Peavey gehört hätte. Eher ein Jaulen… ein Heulen?
Es klang fast wie ein Wolf, auch wenn er sich Wolfsgeheul anders vorgestellt hätte. Gab es hier Wölfe? Bestimmt… dies war ja eine nahezu ideale Gegend, riesige Wälder und kaum Menschen.
Und was, wenn Peavey an einen Wolf geraten war? Ihm wurde plötzlich kalt. Der Hund hatte doch keine Chance gegen einen Wolf, oder gar gegen mehrere.
Er kaute nervös auf der Unterlippe herum, als er die Fährte weiter verfolgte. Die Sorge um seinen Hund ließ ihn vergessen, daß er sich selbst in Gefahr befand. Der Himmel hellte schon auf, und er sah es gar nicht.
Er wußte nicht einmal, ob er überhaupt eine sinnvolle Richtung einschlug oder nur im Kreis ging, oder was er tun sollte, wenn er auch in einer Stunde, wenn die Sonne aufgehen würde, nicht weiter war als im Augenblick.
Irgend etwas knackte da drüben im Unterholz zu seiner Rechten, noch weit weg, doch das Geräusch wiederholte sich, und bald hatte er sich davon überzeugt, daß da irgendetwas auf ihn zu kam.
Vielleicht die Wölfe? Auch wenn er sich das nicht vorstellen konnte, kein gesunder Wolf würde von sich aus einem Menschen zu nahe kommen, geschweige denn einem Vampir.
Er blieb stehen und lauschte, seine Hand legte sich wie von selbst auf den Knauf seines Schwertes. Angespannt wartete er, die Stelle fixierend, an der er das erwartete, was auch immer da durch den Wald lief.
Einen Moment später hätte er beinahe laut gelacht vor Freude und Erleichterung, denn das Wesen, das auf ihn zusprang, war Peavey. Aber die Anspannung wuchs sogleich wieder, als der Hund einige Meter an ihm vorbeihuschte, stehenblieb, sich nach Julian umsah und leise winselte. Seine Rute war eingezogen, die Ohren angelegt. Er hatte Angst, und als Julian es wieder aus derselben Richtung knacken hörte, ahnte er schon, wovor.
Irgendetwas, ein Wolf oder etwas anderes, hatte Peavey verfolgt und tat es noch immer, denn es wurde nicht langsamer, auch wenn es Julian inzwischen wohl wahrgenommen haben mußte.
Seinem eigenen Instinkt und Peaveys Unruhe folgend wandte er sich um und lief zu seinem Hund, der sich fast sichtbar erleichtert wieder in Bewegung setzte. Julian folgte ihm rasch, die Umgebung im Laufen nach einem geeigneten Versteck absuchend, denn ohne daß er es sich erklären konnte, wußte er, daß er Peaveys Verfolger auf keinen Fall begegnen wollte.
Aber alles, was erblickte, waren Bäume… Bäume, soweit er sehen konnte. Er lief noch ein Stück, ohne daß sich daran etwas änderte, und dann packte er Peavey mit einem Arm und kletterte so rasch er konnte, den nächstbesten Baum, der ihm geeignet schien, hinauf. Wölfe konnten zumindest nicht klettern.
Weil er nur einen Arm freihatte, machte es ihm mehr Mühe, als er gewohnt war, aber er schaffte es bis zu einem stabil wirkenden Ast, der sich etwa vier Meter über dem Waldboden und auf der von seinem Weg abgewandten Seite befand, so daß Julian sich hinter den Baumstamm ducken und beobachten konnte, was aus dem Wald kam.

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