Sprach der Rabe …

Ich glaube, daß die Gene, die unsere Eltern uns vererbt haben, nur zwei Dinge bewirken können – eine Katastrophe oder ein Wunder. Gäbe es mehr als nur uns beide, hätten wir noch weitere Geschwister, ich bin mir sicher, auch bei ihnen würde dieses Prinzip gelten.
Aber es gibt nur Jeremy und mich.
Mein Bruder ist von Geburt an zum Tode verurteilt. Und ich … ich besitze die Macht über den Tod.
Das wurde mir heute Nacht bewußt, denn heute Nacht habe ich diese Macht eingesetzt.
Ich bin Raven Finverra, 16 und ein Mörder. Dies ist mein Geständnis.

Ich weiß nichts über unsere Eltern außer den Namen, die sie uns gaben. Es ist, als hätte es sie nie gegeben, allein unsere Existenz ist der Gegenbeweis. Ob sie so waren wie wir? Ob sie meine Macht in sich trugen oder Jeremys Fluch? Waren sie ganz normale Menschen, und erst ihr Zusammentreffen hatte zu diesen absonderlichen Resultaten geführt? Oder waren sie noch … monströser?

Sie ließen uns zurück, als ich drei Jahre alt und Jeremy gerade auf die Welt gekommen war. Man fand uns und einen Zettel mit unseren Namen und brachte uns in das Heim, in dem wir aufwuchsen. An das, was vorher war, habe ich keine Erinnerung. Auf Fragen nach unserer Herkunft gab man uns nie eine Antwort.
Mit genügend Vorbereitung, mir einem guten Plan und ausreichend Zeit … da hätte ich mir die Antworten nehmen können. Aber dafür ist es zu spät. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Jetzt sind wir auf der Flucht.

Trotz allem, was geschehen ist, wollte ich niemanden töten. Ich wäre mit Jeremy geflohen, und niemandem wäre ein Leid geschehen, hätte man nicht versucht, uns aufzuhalten.

Ich spreche von fliehen, denn genau das war es. Wären wir länger geblieben, hätten unsere Mitbewohner Jeremy wahrscheinlich umgebracht. Einzig aus dem Grund, daß er mein Bruder war – der Bruder des Monsters. Vor mir fürchteten sie sich, deswegen ließen sie ihren Zorn auf das, was sie nicht verstanden, an Jeremy aus. Zu sagen, daß sie ihm das Leben schwer machten, wäre eine Untertreibung. Sie ließen ihn keinen Tag in Ruhe, spielten ihm üble Streiche und prügelten ihn fast zu Tode. Alle wußten es, doch niemand unternahm etwas.

Unsere Lehrer, Leiter, Aufseher wären uns zu gerne losgeworden.
Niemand will sein Haus mit einem Verrückten, mit einem Monster teilen. Alle wußten, daß mit mir etwas nicht stimmt … und sie hatten Angst davor. Aus Furcht wurde Haß, und die wenigsten scheuten sich, das offen zu zeigen.

Natürlich habe ich meine … Fähigkeiten nicht zur Schau gestellt, nicht absichtlich.
Doch da ich lange Zeit nicht einmal davon wußte, ist es einfach geschehen. Ich wußte nicht, wie das, was ich tat, auf andere wirkte, ich hatte ja keine Ahnung, daß meine Wahrnehmung ganz anders war als die ihre. Wie muß es sie verstört haben, daß ich auf Fragen antwortete, die nicht ausgesprochen wurden, daß ich von Geheimnissen wußte, die ich nie hätte erfahren sollen?
Es ist wohl nur ein paar Mal geschehen, ehe Jeremy mich warnte. Doch das war schon genug, sie alle gegen uns aufzubringen.

Ich bin mir nicht sicher, was sie in mir sahen. Glaubten sie, daß ich jeden einzelnen ihrer Gedanken kannte? Daß ich mich in ihre Köpfe schlich? Daß es keine Geheimnisse für mich gab?
Das wäre weit mehr gewesen, als in meiner Macht stand. Ich konnte meine Fähigkeiten nicht so stark kontrollieren. Lange wußte ich selbst nicht, worin sie überhaupt bestanden.
Gedanken kann man nicht lesen wie ein Buch. Sie sind viel zu komplex, viel zu chaotisch, und bei jedem Menschen sind sie verschieden. Sie zu verstehen kostet enorme Anstrengung und erfordert unbedingte Konzentration.
Manchmal denkt man in klaren Bildern oder hat einen ausformulierten Satz im Kopf, oder eine Liedzeile. Solche Gedanken sind einfacher zu verstehen als andere. Und das waren die Dinge, die ich zufällig aufschnappte, ohne mir bewußt zu sein, daß ich es tat.

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