Zweifelnd betrachtete Julian immer wieder die Karte und verglich sie mit der Umgebung, die er vor sich sah. Obwohl die Karte und die Beschreibung nicht allzu präzise waren, ging er mit ziemlicher Sicherheit davon aus, am richtigen Ort zu sein – in einem hügeligen Waldstück irgendwo am Georgian Bay.
Seit fast zwei Stunden durchsuchte er diese Gegend nun systematisch, und eigentlich hätte er die Stelle finden müssen, eine Höhle, irgendwo hier im Wald. Statt dessen sah er nichts als Bäume und Gebüsch, nichts, was irgendwie ein Hinweis sein könnte.
Der diese Karte gezeichnet hatte, hatte den Ort gefunden, ohne danach gesucht zu haben, und Julian verstand nicht, wie das möglich sein konnte. Er hatte gründlich gesucht, und das bei für ihn nahezu idealen Lichtverhältnissen, in der Stille des nächtlichen Waldes gelauscht, ob irgendwo seine Schritte anders klangen als sonst, aber ohne Erfolg.
Seufzend lehnte er sich gegen einen Baum und starrte die Karte an. Vielleicht war es doch der falsche Ort, auch wenn er sich das nicht vorstellen konnte. Er war genau dem eingezeichneten Weg von der Straße aus gefolgt, was nicht schwer gewesen war, da es einen schmalen Pfad durch den Wald gab.
Wahrscheinlicher war wohl, daß die Erklärung zu der Zeichnung fehlerhaft war, wenn nicht sogar völlig falsch. Im Original war es ein komplizierter Code gewesen, über viele Jahrzehnte hin entwickelt, und das, was er hier hatte, war nur ein kleiner Teil der Übersetzung, ein einziges Blatt aus ganzen Stapeln von Aufzeichnungen, entschlüsselt ohne irgendeine Hilfestellung, weil dieser Code einzigartig war. Daß die Entschlüsselung richtig war, war ganz und gar nicht sicher, und nachdem was er hier sah, ging das, was auf dem Blatt stand, wohl meilenweit an dem vorbei, was der Verfasser einst aufgeschrieben hatte.
Vielleicht hatte er ja nur eine Seite aus seinem Reisetagebuch in der Hand, wer wußte das schon. Wenn er es genau bedachte, konnte es doch kaum möglich sein, daß irgend etwas so bedeutsames einfach so hier mitten im Wald herumlag, und daß der Finder dann auch noch jemand war, der etwas damit anfangen konnte… andererseits.. hier wäre es zumindest gut versteckt und verborgen vor den falschen Händen ..
Er schüttelte den Kopf, faltete die Karte zusammen und steckte sie in seine Jackentasche. Es hatte sowieso keinen Zweck. Es war alles Zeitverschwendung gewesen, und was war, wenn er Dragan mit leeren Händen gegenübertrat, daran mochte er im Augenblick gar nicht denken. Er verstand nicht einmal, was überhaupt in ihn gefahren war, Dragan von dieser Sache hier zu erzählen, daß dieser darauf eingestiegen war, und daß Julian nun hierhergefahren war.. und das alles wegen einer ungenauen Karte und ein paar noch viel ungenaueren erklärenden Zeilen. Das war nicht nur Zeitverschwendung, das war verrückt. Wer wußte, was Dragan in diesem Moment ..
Ihm rann ein eiskalter Schauer den Rücken herunter, als ihm das so recht bewußt wurde, gefolgt von heftiger Verwirrung, weshalb ihm erst jetzt die Unsinnigkeit des ganzen klar wurde. Nur die Hoffnung, hier etwas zu finden, konnte ihn doch nicht so blind gemacht haben?
Doch er kam nicht dazu, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Irgend etwas veränderte sich.
Das wußte er von einem Moment auf den nächsten mit Sicherheit, doch was es war, konnte er zunächst nicht ausmachen. Er sah sich gründlich um, hielt den Atem an, um kein verdächtiges Geräusch zu übertönen, dann sog er die Luft ein und schloß die Augen dabei, doch es war nichts, das er mit seinen Sinnen erfassen konnte.
Es war nur ein Gefühl, eine seltsame Gewißheit, und es wurde stärker.
Julian runzelte die Stirn und legte ganz automatisch eine Hand auf den Griff seines Schwertes, das in einer Halterung um seine Hüfte steckte, denn obwohl er es nicht bestimmen konnte, war dieses Gefühl nicht unbedingt ein angenehmes. Er bezweifelte zwar im selben Augenblick, daß er dagegen .. gegen was auch immer… mit seiner Klinge etwas ausrichten konnte, doch allein den Schwertknauf in seiner Hand zu spüren, tat gut.
Die Bedrohung – daß es eine solche war, davon war er schon fast überzeugt – wurde nicht greifbarer, aber diese Empfindung wurde beständig stärker.
Für einen Moment allerdings vergaß er das Gefühl beinahe, als er realisierte, daß er einen schmalen, leicht ansteigenden Weg hinaufging, der tiefer in den Wald führte. Er blieb stehen, blickte sich um, und mußte verwirrt feststellen, daß er schon ein gutes Stück zurückgelegt hatte, ohne sich dessen bewußt gewesen zu sein.
Aber auch darüber konnte er sich keine Gedanken mehr machen, als er auf einmal ein Grauen verspürte, das ihm fast den Atem nahm. Hektisch und unsinnigerweise blickte er sich um, aber da war noch immer nichts. Sein Blick streifte seinen Hund, der offensichtlich ähnliches empfand – er hatte die Ohren angelegt, die Rute schon fast eingezogen, doch er wich nicht von Julians Seite.
Er dachte nicht mehr nach, sondern rannte den Weg hinauf, so schnell er konnte, beinahe panisch, egal wohin, er mußte nur weg von hier. Unter das Geräusch seiner Füße und Peaveys Pfoten auf dem laubbedeckten Pfad mischte sich ein tiefes, kaum hörbares Brummen, undefinierbar, aber ein eindeutiger Grund für ihn, noch schneller zu laufen, dem seltsamen Instinkt zu folgen, der ihm Schutz vor der unbekannten Gefahr dort versprach, wohin ihn dieser Weg führte, wie ein Ruf direkt in seinem Kopf.
Der immer weiter ansteigende Weg war erstaunlich bald zu Ende und führte direkt in eine Höhle im Fels. Er hielt auf das dunkle, gezackte Loch zu und hatte doch das Gefühl, nicht schnell genug zu sein, da war etwas hinter ihm, das ihn fast in den Boden zu drücken schien, und doch konnte er dem Drang nicht widerstehen, sich im Laufen umzublicken.
Es war das entsetzlichste, das er je gesehen hatte, und doch wirkte es eigentlich harmlos .. in dem Moment, in dem er sich umwandte, wich der bis dahin nicht ungewöhnliche nächtliche Wald für die Dauer eines Augenblickes etwas anderem, als hätte jemand einen Schleier gelüftet und gleich darauf wieder gesenkt. Die Umgebung war identisch, nur mit der Ausnahme, daß wenige Schritte hinter ihm und etwa drei Meter über dem Boden eine schwarze Kugel von ebenfalls knapp drei Metern Durchmesser einfach so in der Luft hing. Es war komplett schwarz, die Oberfläche wirkte samtig und reflektierte das einfallende Mondlicht, doch auf irgendwie falsche Weise, als wäre da noch eine andere Lichtquelle. All das nahm Julian innerhalb dieses Augenblickes wahr, und es erschreckte ihn so maßlos, daß er beinahe über seine eigenen Füße gestolpert wäre und nur deshalb nicht zu Boden ging, weil er ganz genau wußte, daß dieses Ding ihn dann erreichen würde und allein die Vorstellung ihn fast wahnsinnig machte.
Er wandte den Blick ab und rannte die letzten paar Schritte in die Höhle, die ihm schon allein deswegen schützen würde, weil das Ding viel zu groß war, um durch den Eingang zu kommen, ein Gedanke, der ihm in diesem Moment ungemein beruhigend vorkam.
Kaum, daß er die Höhle betreten hatte und sich keuchend gegen den Fels lehnte, ließ der Schrecken nach, der ihn gepackt hatte; er verschwand nicht ganz, war aber längst nicht mehr so intensiv wie zuvor.
Widerwillig drehte er sich um und blickte zum Eingang, er wollte das Ding nicht noch mal sehen, aber er mußte sich vergewissern, daß es ihm wirklich nicht folgte.
Es war weg. Da draußen war nur noch der Wald zu sehen, nichts, was irgendwie außergewöhnlich gewesen wäre.
Hatte er sich das schreckliche Ding wirklich nur eingebildet? Aber er sah seinen Hund, der eindeutig Angst hatte, und er selbst spürte es doch auch.
Was auch immer das für ein Ding gewesen war, in der nächsten Zeit würde er dort ganz bestimmt nicht hinausgehen.
